Was ist das innere Kind überhaupt?

Als Kinder sind wir unserem Umfeld mit seinen oft dysfunktionalen Strukturen ausgeliefert. Wir müssen uns einen Reim auf das Geschehen machen, um zu Überleben. Da wir als Kinder lange dem magischen Denken verhaftet sind und dazu neigen, alles was geschieht, auf uns beziehen, fühlen wir uns oft verantwortlich für die kleinen und großen Katastrophen, die sich in unserer Umwelt abspielen. Wir geben der Welt die Bedeutung, die unserem kindlichen Verständnis entspricht, und wir entwickeln Glaubenssysteme und Muster, die unser Überleben in der Familie und im weitern Umfeld garantieren sollen.

Wir waren so abhängig von den Eltern, dass wir auch heute noch immer bestrebt sind, alles zu tun, um nicht wieder verletzt, beschämt oder verlassen zu werden. Je weniger wir diese ganz natürliche Hilflosigkeit und Bedürftigkeit fühlen wollen, desto stärker steuert sie unser heutiges Leben.

Sich bewusst und mitfühlend, liebevoll und schützend dem eigenen inneren Kind zuzuwenden hilft sehr, das Leben tatkräftig und mutig selbst zu gestalten. Das innere Kind möchte es anderen Recht machen. Doch es will sich auch ausdrücken, seine eigenen Kräfte entfalten. Geben wir ihm Schutz, Sicherheit und Freiheit, für ein erfülltes Leben in Selbstbestimmung und innerer Geborgenheit.

In Stresssituation steuert unser verletztes inneres Kind unser Verhalten, wenn wir nicht das Bewusstsein entwickeln, dass dieses innere Kind nur ein Anteil unserer Persönlichkeit ist. Wir tendieren dazu, alles zu vergessen, was wir als kompetente Erwachsene gelernt haben und fallen nahtlos zurück in die Verhaltensweisen unserer Kindheit. Wir identifizieren uns vollkommen mit diesem kindlichen Persönlichkeitsanteil und fühlen uns wieder als ausgeliefertes, machtloses und hilfloses Opfer. Traurig, aggressiv , selbstgerecht, beschuldigend oder resigniert.

Das Kind wurde eben nicht getröstet, niemand hat überhaupt mitbekommen, dass es einen Schock erlitten hat. Geschieht nun etwas, das den Menschen an einen Aspekt der bedrohlichen Situation erinnert, auch wenn es überhaupt nicht unmittelbar mit dem Schock selbst in Verbindung steht, ein Duft, eine Musik, ein Wort – dann reagiert das Gehirn, die Amygdala, wie auf eine echte Gefahr. (Die Amygdala ist der instinkthafte Teil des Gehirns, in dem die frühkindlichen Erlebnisse abgespeichert sind)
Und das bedeutet nun mal Flucht, Angriff oder Erstarrung.

Wenn man nun noch weiß, dass eine der ältesten und wichtigsten Funktionen des Gehirnes die Schmerzvermeidung ist, dann kann man sich leicht vorstellen, wie viele unbewusste Tricks ein Mensch anwenden wird, um seinem verdrängten Schmerz nicht mal nahe zu kommen. Dazu braucht der Mensch gar nichts bewusst beizutragen, das Gehirn macht das ganz von selbst.

Typische Muster sind:

Ich bin allein

Ich bin schlecht

Ich gehöre nicht dazu

Ich bin eine Last

Ich bin anders

Ich bin verrückt

Ich bin nicht genug

Ich bin unsichtbar

Ich bin eine Versagerin/ein Versager

Ich bin nichts wert

Ich bin machtlos

Ich bin zu viel

Niemand liebt mich

Ich bin nicht wichtig

Ich bin nicht sicher

Ich bin schuld

Ich bin nicht liebenswert

Ich bin verantwortlich für das Glück der anderen

 

Was brauchen wir nun, damit das innere Kind heilen kann?

Bewusstes Selbstmitgefühl!

 

Das innere Kind braucht neue emotionale Erfahrungen, es braucht Trost, Schutz, Liebe und Geborgenheit. Das Gute und zutiefst Heilsame ist, dass wir uns diesen Schutz nun selbst geben können. Denn wir sind nun erwachsen. Wir können das für unser inneres Kind tun, was es so dringend brauchte – denn auf dieser emotionalen Ebene gibt es keine Zeit. Wir können heute heilen, was vor vielen Jahren verletzt wurde und heute befrieden, was so lange in Angst lebte. Wenn wir heute die verletzenden Situationen erneut aufsuchen und dem inneren Kind mit dem Bewusstsein von heute aktiv zur Seite stehen, es retten, ihm einen inneren sicheren Ort geben und es nicht länger in dieser erstarrten traumatischen Situation verharren lassen, dann erlebt die Amygdala eine neue, positive emotionale Erfahrung. Die Amygdala lernt nur über emotionales Erleben. Die so genannten Löschneuronen werden aktiv, wenn das innere Kind die Erfahrung macht, beschützt und gerettet zu werden.

Für deine Heilung und der des inneren Kindes ist es entscheidend, dass dir folgendes bewusst wird:

  • In Stresssituationen übernimmt das verletzte innere Kind und steuert dein Verhalten, auch wenn du dir dessen nicht bewusst bist
  • Wenn das innere Kind übernimmt, nimmst du es nicht mehr bewusst wahr, was hier und jetzt wirklich geschieht und wirst handlungsunfähig, bzw. du handelst unbewusst, nicht der realen Situation entsprechend und damit ineffizient
  • du nimmst nicht mehr wahr, dass du nicht das ausgelieferte Kind, sondern eine erwachsene Person mit vielen Ressourcen, Fähigkeiten und Möglichkeiten bist, die dein verletztes inneres Kind nicht hatte
  • Du identifizierst dich mit diesem alten Persönlichkeitsanteil, wirst eng, voller Angst und siehst keine Lösung außerhalb deiner alten automatischen Strategien und Reaktionen
  • Es werden immer wieder dieselben Erfahrungen aus der Vergangenheit erzeugt und du wirst durch die Reaktionen, die du in deiner Umwelt hervorrufst, in deiner dysfunktionalen Meinung über dich selbst und die Welt bestätigt

Um nun das Erleben mit und durch das innere Kind zu verändern, ist es wichtig, sich folgendes bewusst zu machen:

Kontaktaufnahme mit dem inneren Kind, Kommunikation mit dem inneren Kind, um zu erfahren, was es braucht und wie es ihm geht, du klärst es auf und gibst ihm das, was es sich als Kind gewünscht und nicht erhalten hat, Blockaden im Körper und in den Gefühlen können so gelöst werden und die Energie wieder freier ducrh das ganze System fließen.

Dein inneres Kind kann sich entwickeln und wieder offen, vertrauensvoll und kreativ werden und sich in deine Gesamtpersönlichkeit integrieren. Du kannst nach und nach wieder ganz werden, wenn du dich entschließt, unter allen Umständen für dein inneres Kind da zu sein.

Ganz sein bedeutet in diesem Zusammenhang, dass du dir in Stresssituationen bewusst wirst, wenn dein verletztes inneres Kind das Heft in die Hand nehmen und dich in gewohnte Abwehrmechanismen verfallen lassen möchte. Es bedeutet, dass du die Kraft hast, im Hier und Jetzt zu bleiben und das innere Kind mit seinen Ängsten an der Hand zu nehmen, es aufzuklären und zu schützen.